Experteninterview mit Univ.-Prof. Dr. Christoph Arnoldner
Gentherapie bei hochgradigem Hörverlust ist derzeit nur für eine sehr kleine Patientengruppe mit einem klar definierten Gendefekt geeignet. Für die überwiegende Mehrheit bleibt die Cochlea-Implantation auch in der absehbarer Zukunft therapeutischer Goldstandard.
Eine CI-Versorgung sollte nicht aufgrund der Erwartung potenzieller zukünftiger Gentherapien aufgeschoben werden.
Univ.-Prof. Dr. Christoph Arnoldner, Vorstand der HNO-Universitätsklinik Wien, erklärt die Hintergründe.
HB: Herr Professor Arnoldner, Gentherapie als Behandlungsoption bei Gehörlosigkeit galt lange als Vision. Was hat sich zuletzt geändert?
Prof. Arnoldner: In den letzten ein bis zwei Jahren ist es erstmals gelungen, beim Menschen durch Gentherapie das Hören wiederherzustellen. Konkret betrifft das Kinder mit einer Otoferlin‑assoziierten Taubheit (DFNB9), einer seltenen, genetisch bedingten Form angeborener Taubheit. Während Gentherapie jahrzehntelang nur in Kleintiermodellen, etwa bei Mäusen, erfolgreich war, hören nun die ersten taub geborenen, gentherapeutisch behandelten Kinder ohne Cochlea‑Implantat.
HB: Was macht die Otoferlin‑Taubheit für eine Gentherapie besonders geeignet?
Prof. Arnoldner: Bei der Otoferlin‑Taubheit sind die Strukturen der Cochlea inklusive äußerer und innerer Haarzellen intakt. Es fehlt lediglich das Protein Otoferlin, das für die Signalübertragungvon den inneren Haarzelle zum Hörnerv essenziell ist.
HB: Wie häufig ist die Otoferlin-Taubheit?
Prof. Arnoldner: Von den weltweit rund 200 bekannten genetischen Ursachen für kongenitale Taubheit macht die Otoferlin‑Mutation nur etwa der 2–8 % aus. Weltweit geht man von rund 200.000 Betroffenen aus, mit 20-40 neu diagnostizierten Kindern pro Jahr in den USA. Das entspricht in etwa einem bis zwei Fällen in zwei Jahren für Österreich. Für den Großteil der Menschen mit angeborener Taubheit wird das Cochlea‑Implantat also weiterhin der Goldstandard bleiben.
HB: Wie ist der aktuelle Stand der klinischen Anwendung?
Prof. Arnoldner: Die Gentherapie bei Otoferlin‑Taubheit befindet sich derzeit noch in der Phase der klinischen Studien, mit sehr geringen Fallzahlen. Doch die bisherigen Ergebnisse sind äußerst vielversprechend: etwa 90 % der behandelten Kinder zeigen einen altersentsprechenden Spracherwerb, bei gleichzeitig sehr geringen Nebenwirkungen.
HB: Wie erfolgt die gentherapeutische Behandlung?
Prof. Arnoldner: Bei dem chirurgischen Eingriff dient ein adenoassoziierter Virus (AAV) als Vektor, um das Otoferlin‑Gen ins Ohr einzubringen. Über einen sehr dünnen Katheter und eine Mikropumpe wird der Vektor über etwa 15 Minuten in die Cochlea appliziert.
Entscheidend ist, dass alle Haarzellen erhalten bleiben, nur so wird die Behandlung zum Erfolg.
HB: Welche Rolle spielt die genetische Diagnostik im klinischen Alltag?
Prof. Arnoldner: Eine frühe genetische Abklärung ist heute unverzichtbar. Kinder, die für ein Cochlea‑Implantat evaluiert werden, werden mittlerweile alle vor der Implantation genetisch getestet. In Zusammenarbeit mit dem Genetischen Institut Wien erhalten wir innerhalb von ein bis zwei Monaten valide Ergebnisse. So können wir rechtzeitig den genauen genetischen Grund für die Taubheit identifizieren.
HB: Warum wird eine Otoferlin‑Taubheit häufig spät diagnostiziert?
Prof. Arnoldner: Diese Kinder fallen beim Neugeborenen‑Hörscreening oft nicht auf, da sie normale otoakustische Emissionen (OAE) und funktionierende äußere Haarzellen zeigen. Erst die BERA deckt die gestörte neuronale Signalübertragung auf.
Die Folge sind verzögerte Diagnosen und oft eine verspätete CI‑Versorgung, die entsprechende Auswirkungen auf die Sprachentwicklung hat.
HB: Was bedeutet das für den Praxisalltag?
Prof. Arnoldner: Die genetische Diagnostik hilft im Idealfall für folgende Fragestellungen:
- Kausale Abklärung der Hörstörung
- Erkennung von Syndromen
- Prognoseabschätzung für den Hörverlust, Hörgerät oder CI
- Abschließend die Frage, ob eine Gentherapie indiziert ist
Genetische Diagnostik ist kein Zusatz mehr, sondern ein integraler Bestandteil moderner Hörrehabilitation.
HB: Gibt es bereits konkrete Behandlungserfahrungen in Österreich?
Prof. Arnoldner: Ja. Eine Patientin aus Wien wurde von mir im Rahmen einer Studie in Tübingen (Prof. Löwenheim) operiert, mit sehr gutem Ergebnis. Das Kind hört. Solche Fälle zeigen, welches Potenzial diese Therapie hat, auch wenn sie nur für eine kleine Patientengruppe infrage kommt.
HB: Wie sehen Sie die Zukunft der Gentherapie in der HNO?
Prof. Arnoldner: Otoferlin ist erst der Anfang. Das nächste große Ziel ist die Gentherapie bei Connexin‑26‑Mutationen, der weltweit häufigsten Ursache für genetisch bedingten Hörverlust.
In China etwa wird teilweise bereits das Neugeborenen-Hörscreening nicht mehr mittels OAE durchgeführt, sondern es wird das Genom sequenziert. Das Ergebnis liegt schon nach kürzester Zeit vor.
HB: Wird die Gentherapie das Cochlea‑Implantat ersetzen?
Prof. Arnoldner: Nein, aber sie wird es ergänzen. Für eine sehr spezifische Patientengruppe kann die Gentherapie künftig eine Alternative sein. Für alle anderen bleibt das Cochlea‑Implantat eine der erfolgreichsten Innovationen der modernen Medizin.
Wir danken für das Gespräch!
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